Tourenwagen Festival am OGP 2017

Ein Motorsport-Fest mit internationaler Beteiligung: vierter Lauf der Tourenwagen Classics 2017 auf dem Nürburgring.  

Die Schlagzeilen: Stephan Rupp sichert sich mit dem Alfa Romeo 155 TI V6 ITC den ersten Saisonsieg, Thorsten Stadler baut die Tabellenführung aus

33 Starter bieten den 46.000 Zuschauern des 45. AvD-Oldtimer-Grand-Prix hochklassige Unterhaltung und Szenen wie einst im Mai

Gianfranco Brancatelli (57) als Gesamtvierter beste DTM-Legende mit dem Ford Sierra RS 500 Cosworth, Ralph Bahr (47) im Pech

Klassensiege für Stephan Rupp, Gianfranco Brancatelli sowie Michael Lyons, Yannik Trautwein (beide BMW) und Jannis Bernd (Mercedes)

 

Nach Regen folgt Sonne – diese schlichte Erkenntnis traf auch auf den vierten Wertungslauf der Tourenwagen Classics zu, die im Rahmen des 45. AvD-Oldtimer-Grand-Prix auf dem Nürburgring gastierten. Beide Trainingstage gingen bei schlechten Wetterverhältnissen über die Bühne, was aus rein sportlicher Sicht für einige Überraschungen sorgte. So platzierte der Rallye-Spezialist Anton ‚Toni‘ Werner den erstmals eingesetzten Audi-80-Prototypen aus der Zeit zwischen den DTM-Jahren 1992 und 93 auf der Pole-Position des Trainingsbesten. Neben dem Allradantrieb und der offensichtlichen Expertise, sicher und schnell zugleich auf nassem Asphalt zu sein, spielte nicht zuletzt ein hervorragend laufender Audi-Turbomotor eine Rolle. Historischer Hintergrund: Bevor Alfa Romeo 1993 mit dem 155 GTA in die DTM-Klasse 1 einstieg, war der Mailänder Hersteller zunächst mit einem Turbomotor in der italienischen Meisterschaft werksseitig vertreten. Zu dieser Zeit diskutierten fünf beteiligte Marken, neben Alfa Romeo auch Audi, BMW, Mercedes-Benz und Opel, über das künftige Klasse-1-Reglement; auch Turbomotoren waren eine Variante während der Projektphase. Letztlich wandte sich Audi nach der Erstellung zweier Prototypen der französischen Meisterschaft zu, auch der Turbomotor kam in der DTM nicht zum Tragen. Die Konsequenzen: Alfa Romeo war zum Motorenwechsel gezwungen, Audi und zunächst auch Opel wandten sich anderen Zielen zu. Anton Werner, bereits im Besitz exklusiver Rallye-Boliden von Audi, erklärte, einen der beiden DTM-Prototypen in Schweden entdeckt zu haben. Ein Vierteljahrhundert nach der Entstehung reaktivierte er den Testträger und legte eine auf den ersten Blick erstaunliche Performance an den Tag. Nicht ganz so überraschend war der zweite Trainingsrang des zweiten Favoriten aus Landshut im 33-Wagen-Feld: Stephan Rupp stellte den ebenfalls mit einem Allradantrieb ausgestatteten Alfa Romeo neben Werner in die erste Startreihe. Weniger erfreulich verlief das Abschlusstraining für Ralph Bahr und Gaststarter Harald Grohs mit dem Vogelsang-BMW M3 E30 des Jahrgangs 1987. Bahr, zu diesem Zeitpunkt noch einer der Titelanwärter, kam – an selber Stelle wie bereits Grohs im Zeittraining tags zuvor – von der rutschigen Piste ab und konnte anders als der ehemalige DTM-Pilot einen Leitplankenkontakt nicht vermeiden. Da eine Reparatur vor Ort unmöglich zu sein schien, verzichtete die ProAm-Kombination auf die Teilnahme. Diese Ausgangslage schien Jens Böhler in die Karten zu spielen. Doch auch für den Marburger Augenoptiker-Meister kam es mit dem BMW M3 E30 Gruppe A ganz anders …

 

Der Rennsonntag brachte einen Wetter- und Stimmungswechsel. Bei strahlendem Sonnenschein ging das Feld auf die 40 Minuten lange Reise. Zu den Zaungästen zählten die Schweizer Tuner-Eminenz Ruedi Eggenberger (79) und DTM-Legende Armin Hahne (62), der ebenfalls einem Engagement bei den Tourenwagen Classics ins Auge sieht – vielleicht schon in vier Wochen. Vor dem Start feierten Hahne und Gianfranco Brancatelli, ehemals Teamkollegen bei Ford, noch ein emotionales Wiedersehen. ‚Branca‘ erzählte, die letzten zwölf Jahre in keinem Renncockpit gesessen zu haben. „It all comes back to you“ versprach er dem alten Weggefährten aus dem Ford-Werksteam in der DTM 1989. Um es vorwegzunehmen: In den darauf folgenden 40 Rennminuten untermauerte Brancatelli die eigene Theorie, mischte als Solist munter mit und brachte das Sammlerstück eines offenbar reiselustigen Neuseeländers an vierter Gesamtposition ins Ziel – das beste Resultat eines DTM-Fahrers an diesem Wochenende. Weniger segensreich verlief die Fahrt für Marc Hessel. Der Mitveranstalter der Tourenwagen Classics überließ dem Fahrzeugbesitzer Stephan ‚Pipo‘ Piepenbrink im BMW M3 zunächst den Vortritt. Als dieser jedoch nach der ersten Rennhälfte zum Fahrerwechsel an die Box kam, vermeldete er rapiden Spannungsabfall. Anderthalb Runden nach der Übernahme rollte Hessel stromlos im Bereich der Ford-Kurve aus. Zu diesem Zeitpunkt notierte die Rennleitung den elften Umlauf, dieser würde auch Pole-Setter Anton Werner zum Verhängnis. Der Audi-Pilot erfreute sich nur kurz seiner Führung, ehe Stephan Rupp ihn passierte und sofort einen Abstand zwischen sich und seine Verfolger legte. Seine Führung sollte er bis ins Ziel nicht mehr abgeben – erster Saisonsieg, Knoten geplatzt. Hinter ihm platzierten sich die beiden Mercedes-C-Klassen, pilotiert von Jörg Hatscher auf Rang zwei und Thorsten Stadler als Drittem. Speziell der 47-jährige Norisring-Sieger agierte taktisch klug, sammelte wichtige Meisterschaftspunkte und führte im Rennen um den Titel eine Vorentscheidung herbei. Denn nicht nur Ralph Bahr ging in der Eifel leer aus: Mit Richard Weber – am Norisring noch Dritter – fehlte ein weiterer Mitfavorit. So lag es an Jens Böhler mit dem 1988er BMW M3 E30 Gruppe A, aufgebaut vom Rallye-Spezialisten Markus Moufang, den Abstand zu verkürzen. Die 280-PS-Version im französischen Design der Garage du Bac kroch auf den letzten Metern nur noch um den Kurs. Böhler schleppte sich ins Ziel, er betrieb damit Schadensbegrenzung. Thorsten Stadler musste er dennoch ziehen lassen. Nicht nur er weiß, dass es bei den beiden verbleibenden Partien auf dem Nürburgring und in Hockenheim eng zugehen wird. Spannende Positionskämpfe zwischen den Gruppe-A-Klassikern von Ford und BMW signalisieren, dass inzwischen bei jedem der sechs Wertungsläufe kräftig gepunktet werden muss, um Titelansprüche anzumelden. Klassensiege in Verbindung mit einer guten Position in der Gesamtwertung sind die Garanten dafür.

 

Als Gesamtfünfter und Klassenbester im STW-BMW 320i setzte Yannik Trautwein einen besonderen Akzent. An siebter Stelle ein weiterer Klassensieger: Michael Lyons mit dem pechschwarzen BMW 635 CSi Gruppe 2 aus Großbritannien. Der Gaststarter von der Insel führte eine ganze Armada enthusiastischer Neuseeländer und Briten an, die mit ihren schönen Original-Fahrzeugen einfach mal dabei sein wollten – die Online-Medien machen es heute möglich. Einfach mal dabei sein – das wollte auch Olaf Manthey (62) mit dem BMW 635 CSi Gruppe A der Gebrüder Schumann. Anfangs machte sich der Bonner an die Verfolgung des englischen ‚Sechser-Coupés‘ vor ihm, ein Schaden an der Hinterachs-Aufhängung warf ihn zurück. Nach zwölf Runden zog Peter Schumann den 1983er Gruppe-A-Tourenwagen zurück. Da war Roland Asch mit dem Ford Sierra RS Cosworth von Volker Schneider schon besser bedient. Obwohl der Schwabe in so manche Scharmützel verwickelt war, kam er an achter Stelle an. Ein Musterbeispiel an Effektivität war wieder einmal Jannis Bernd, Sieger der Klasse 5, an 15. Stelle der Gesamtwertung. Der Daimler-Mann pilotiert eine seriennahe DTC-Version des Mercedes 190E – eine kosteneffiziente Alternative zu den Hochkarätern aus den großen Zeiten der DTM, ITC und STW.

 

Das Rennprogramm der Tourenwagen Classics setzt sich am zweiten Wochenende im September, einmal mehr auf dem Nürburgring, fort. Die heutige DTM bildet zum dritten Mal in diesem Jahr den Rahmen.

 

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome