Jörg Hatscher im 7. Himmel

Die Schlagzeilen:
Festival der Klasse-1-Renntourenwagen beim 90. Geburtstag des Nürburgrings: Sieger Jörg Hatscher und Zweitplatzierter Thorsten Stadler machen die Reihenfolge auf den letzten Metern unter sich aus
Pechvögel des Tages: Stephan Rupp (Alfa Romeo 155 GTA Klasse 1) und Roland Asch (Mercedes Benz 190E 2.5-16) fallen nach anfänglich starken Vorstellungen zurück, Richard Weber auf Platz 3
77-jährige Moderatorenlegehde Rainer Braun gibt ein mitreißendes Comeback als Streckensprecher, 24 Renntourenwagen sorgen beim Jubiläumsrennen auf dem Eifelkurs für das Highlight des Tages
Auftaktsieger Ralph Bahr (47) verteidigt als Gesamtsechster die Tabellenführung, guter Einstand von Sebastian Glaser (38) im Original-DTM-Siegerwagen von 1988, dem Grab-Ford Sierra Cosworth RS 500
In der Schlussphase des wie inmer auf 40 Minuten angesetzen, zweiten Wertungslaufs der Tourenwagen Classics 2017 auf dem Nürburgring-Grand-Prix-Kurs würde es noch einmal spannend: Seite an Seite bogen die Teamkollegen Thorsten Stadler (46) und Jörg Hatscher (56) in das Geschlängel der Ford-Kurve ein. Beide steuern C-Klassen von Mercedes-Benz, freilich auf unterschiedlichen Entwicklungsständen. Stadler sitzt im 1994 von Ellen Lohr aus Mönchengladbach gefahrenen Ex-Werkswagen, Hatscher im 1996er Technologieträger aus der International Touringcar Series, kurz ITC. Im Spurt um den Sieg setzte sich schließlich Jörg Hatscher durch, der lange Zeit an zweiter Stelle hinter dem führenden Alfa Romeo 155 GTA Klasse 1 von Stephan Rupp gelegen hatte. Dessen feuerroter Allradler, 1996 vom späteren Formel-1-Piloten Giancarlo ‘Fisico’ Fisichella gefahren, markierte im Training mit zwei Sekunden Abstand auf den Zweitplatzierten die Bestzeit und fuhr auch im Rennen souverän voraus, ehe ein technisches Problem seine Mailänder Diva einbremste. Zwar nahm der Bayer aus Landsberg am Lech noch einmal das Rennen auf, doch der lange Zeit greifbare Sieg war dahin.
Auch Roland Asch, inzwischen 66-jährig und topfit, mischte im Spitzenfeld mit. Auch wenn er mit dem 1991 von ihm selbst gesteuerte Debis-Zakspeed-Mercedes 190E 2.5-16 Evo2 naturgemäß mit den moderneren Klasse-1-Boliden zu kämpfen hatte und eigentlich nur auf nasser Piste Ansprüche auf den Sieg anmelden konnte, hielt er bei optimalen Wetterbedingungen den Anschluss an die Führenden. In der Schlussphase fiel er mit dem Viertürer aus dem Fundus des Mercedes-Benz-Museums plötzlich zurück. Zwei BMW-Piloten machten sich diese Situation zunutze. Richard Weber mit dem 1991 im MM-Diebels-Team von Günter Murmann eingesetzen BMW M3 E30 2.5 Sport Evolution schlüpfte durch zum dritten Gesamtrang, während Auftaktsieger Ralph Bahr mit dem 1987er-Vogelsang-BMW M3 E30 auf den sechsten Platz der Gesamtwertung vorrückte. Dieses Manöver bestätigte seine vor vier Wochen in Aarhus, Dänemark, ergatterte Tabellenführung. Der Rennen fahrende Mitorganisator der Tourenwagen Classics reist in zwei Wochen als Spitzenreiter zum Saisonhöhepunkt bei den 200 Meilen von Nürnberg, dem DTM-Stadtrennen auf dem Norisring.
Dann wird auch Rainer Braun wieder das Mikrofon des Streckensprechers besetzen. Die 77-jährige Sportmoderator aus Much war ein kundiger, stets begeisterterer Botschafter der guten, alten Zeit des Tourenwagen-Rennsports. Seine Kollegen aus den acht Jahren der Fernsehübertragungen der DTM auf 3SAT und im ZDF, Christa Haas, war ebenfalls zugegen. Die Journalistin, von 1989 bis 1995 im Team mit Rainer Braun fester Bestandteil der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft, brachte sich mit ihren stimmungsvollen Interviews aus der Boxengasse ein. Mit Marc Hessel, Dritter der DTM 1987 auf BMW M3, Volker Strycek, Sieger der Deutschen Produktionswagen-Meisterschaft 1984 auf BMW 635 CSi Coupé, und Volker Schneider, 1986 mit dem Ford Mustang Coupé von ABR Bernd Ringshsusen aus Butzbach unterwegs, starten drei weitere Ehemalige der DTM auf dem Nürburgring. Dabei erwies sich Volker Strycek einmal mehr als harter Arbeiter, ebenso seine Rennmannschaft um Steffan Irmler aus Drebber. Nach einem Hinterachsdefekt im Zeittraining war eine Nachschicht erforderlich, die einen Ersatzteil-Express aus Niedersachsen und eine Reparaturphase bis 2.00 Uhr nachts umfasste. Für den gebürtigen Essener und Fahrzeugbesitzer Irmler lohnte sich der Aufwand, denn im Rennen kam der Zweiliter-Opel Astra MSD prächtig über die 40-Minuten-Distanz. Der 285 PS leistende Swindon-Motor des Opel gehört zu den Kuriositäten im Starterfeld: Aufgrund des gedrehten Zylinderkopfes liegt der Abgaskrümmer über dem Ventildeckel.
Einen guten Einstand gab der 37-jährige Sebastian Glaser auf dem Ford Sierra Cosworth von Bernhard Grab aus Siegen, 1988 unter Klaus Ludwig zum Sieg in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft pilotiert. Mit dem Vierzylinder-Turbo, der ohne Luftmengen-Begrenzung 500 PS und mehr leistet, hielt Glaser sich stets im Vorderfeld auf und hielt sogar Roland Asch hinter sich. Heute wird der annähernd 30 Jahre alte Ford von Robert Rüddel aus Duisburg präpariert, einem Experten für Renntourenwagen aus Köln-Niehl. Ob Ex-Meister Klaus Ludwig in sein angestammtes Ford-Cockpit zurückkehren wird, steht im wahrsten Sinne des Wortes in den Sternen. Denn Gerüchten zufolge soll das Mercedes-Benz-Museum bereits prüfen, ob ein weiterer 190E 2.5-16 für den dreifachen Sieger der 24 Stunden von Le Mans reaktiviert werden kann. Der Ruf der Tourenwagen Classics erreicht immer mehr Köpfe und Herzen. So wird mit Alfrid Heger (59) bereits in zwei Wochen an der Noris ein weiteres Großkaliber in das Geschehen eingreifen. Der Essener, viermaliger Sieger bedeutender 24-Stunden-Rennen auf BMW und Porsche, plant den Einsatz eines 1992er-Bigazzi-BMW M3 E30, der von Kurt Gföhler aus Österreich bereitgestellt wird.
Text: Carsten Krome
Bilder: Tourenwagen Classics
Eindrücke: